Claude – was das ist und was man damit macht

Eine Einführung für den ersten Abend

Worüber wir sprechen

Wenn in den vergangenen Jahren von „künstlicher Intelligenz“ die Rede war, war meist eines von zwei Dingen gemeint: etwas sehr Abstraktes aus der Zukunftsdebatte – Bewusstsein, Weltherrschaft, Arbeitsplätze – oder etwas sehr Konkretes, das Bilder von Menschen mit sechs Fingern erzeugt. Claude[1] ist keines von beiden. Es ist ein Programm, mit dem man schreibt, und zwar im Wortsinn: Man tippt hinein, was man möchte, und erhält eine Antwort in gewöhnlicher Sprache. Die technische Bezeichnung lautet „großes Sprachmodell“[2]. Brauchbarer für den Anfang ist eine andere Beschreibung: ein außerordentlich belesener, unermüdlicher, jederzeit verfügbarer Gesprächspartner, der jeden Text lesen, umschreiben, prüfen, ordnen oder erklären kann – und der sich gelegentlich mit vollkommener Selbstsicherheit irrt.

Dieser letzte Halbsatz ist der wichtigste des ganzen Textes, und ich komme darauf zurück. Zuerst aber die Frage, die am Anfang die meiste Verwirrung stiftet: Wie bedient man das eigentlich?

Der Unterschied zu Word und Excel

Wer sich in Office[3] auskennt, bringt eine Gewohnheit mit, die hier nicht mehr trägt. In Word und Excel arbeitet man mit Befehlen. Es gibt eine Menüleiste, jeder Knopf tut genau eine Sache, und wenn man den richtigen Knopf findet, geschieht das Gewünschte, jedes Mal identisch. Man lernt eine Software, indem man lernt, wo die Knöpfe liegen.

Bei Claude gibt es keine Knöpfe. Es gibt ein leeres Feld, und was man hineinschreibt, ist kein Befehl, sondern ein Auftrag – so formuliert, wie man ihn einem fähigen neuen Mitarbeiter geben würde, der die Sache übernehmen soll, aber den Zusammenhang noch nicht kennt. Daraus folgt fast alles Weitere. Ein Auftrag darf lang sein. Er darf Hintergrund enthalten, Bedingungen, Beispiele, ein „aber bitte nicht so“. Er darf mehrere Sätze umfassen. Und er darf nachgebessert werden: „Zu lang.“ – „Der Ton ist zu kumpelhaft.“ – „Der zweite Absatz war gut, den ersten noch einmal.“ Das Gespräch bleibt erhalten, man muss nicht von vorn beginnen.

Die häufigste Ursache für Enttäuschung in der ersten Stunde ist genau hier zu finden: Man tippt drei Wörter, als wäre es ein Suchfeld, und bekommt eine blasse, allgemeine Antwort. Drei Wörter enthalten keinen Auftrag. Wer stattdessen fünf Zeilen schreibt, erhält meist etwas Verwendbares.

Wofür man es tatsächlich brauchen kann

Am nützlichsten ist Claude überall dort, wo Sprache selbst die Arbeit ist. Einige Gebiete, in denen der Gewinn sofort spürbar wird:

Texte umformen. Ein vorhandener Text soll kürzer werden, sachlicher, verbindlicher, freundlicher; aus zwei Seiten soll ein Absatz werden, aus Stichpunkten ein zusammenhängender Brief, aus einem verschachtelten Satzgebilde etwas Lesbares. Das ist die undramatischste und mit Abstand häufigste Verwendung – und die, die am meisten Zeit spart.

Texte erschließen. Man kann Dateien hochladen – PDF, Word, Tabellen, Bilder – und dann Fragen dazu stellen. Nicht nur „fasse zusammen“, sondern: Welche Frist steht in diesem Vertrag? Widerspricht der Anhang dem Hauptteil? Was behauptet dieser Aufsatz eigentlich, und wo genau argumentiert er dafür? Bei langen Dokumenten, die man nicht selbst durcharbeiten will, ist das eine Erleichterung, die man erst schätzt, wenn man sie einmal gehabt hat.

Sprachen. Übersetzen kann Claude gut, aber das Interessantere ist die Zwischenstufe: einen englischen Text, den man selbst geschrieben hat, auf Idiomatik prüfen lassen, mit Begründung für jede Änderung. Oder umgekehrt einen fremdsprachigen Text nicht übersetzen, sondern erklären lassen.

Ordnen. Aus einem Haufen ungeordneter Notizen eine Gliederung machen. Aus einer diffusen Idee eine Liste von Arbeitsschritten. Aus Prosa eine Tabelle. Das Ergebnis ist selten fertig, aber es ist ein Anfang, und ein Anfang ist bekanntlich das Teuerste an jedem Text.

Widerspruch. Dies ist die am meisten unterschätzte Verwendung. Man legt eine eigene Überlegung vor und verlangt ausdrücklich die Gegenrede: Wo ist die Argumentation schwach? Was würde ein wohlwollender, aber skeptischer Leser einwenden? Was habe ich übersehen? Claude ist von Natur aus etwas zu höflich; man muss die Kritik einfordern, dann kommt sie auch. Für jeden, der allein an etwas arbeitet, ist das ein echter Ersatz für den Kollegen im Nachbarzimmer.

Dinge herstellen. Auf Wunsch entsteht am Ende nicht nur Text im Fenster, sondern eine Datei: ein formatiertes Word-Dokument, eine Excel-Tabelle mit funktionierenden Formeln, eine Präsentation, ein PDF. Dieser Text hier ist auf genau diesem Weg entstanden.

Nachschlagen im Netz. Claude kann bei Bedarf selbst suchen und die gefundenen Quellen angeben. Damit sind auch Fragen zu aktuellen Dingen behandelbar – mit der gleichen Vorsicht, die man jeder Internetquelle schuldet.

Wo es verlässlich scheitert

Jetzt der Halbsatz von oben. Ein Sprachmodell hat kein Nachschlagewerk im Inneren, in dem es blättert. Es erzeugt Sprache, die zum Zusammenhang passt – und Sprache, die passt, ist nicht dasselbe wie Sprache, die stimmt. Wo das Modell etwas nicht weiß, entsteht deshalb keine Lücke und keine Fehlermeldung, sondern eine plausibel klingende Erfindung, im Fachjargon „Halluzination“. Genau das macht die Sache heikel: Falsches sieht hier genauso aus wie Richtiges. Bei einer Suchmaschine sieht man einer schlechten Quelle meist an, dass sie schlecht ist. Ein erfundenes Zitat in wohlgeformter Prosa erkennt man nicht.

Besonders anfällig sind Einzelheiten, die schwer zu behalten und leicht zu erfinden sind: genaue Daten, Zahlen, Seitenangaben, Belegstellen, Namen von Nebenfiguren, bibliographische Angaben. Wer Literaturangaben ungeprüft übernimmt, wird sich blamieren – das ist bereits mehrfach spektakulär geschehen. Die Regel, die man verinnerlichen sollte, ist einfach: Alles, was nachprüfbar ist, wird nachgeprüft. Beim Umformulieren eines Textes, den man selbst mitgebracht hat, besteht dieses Risiko nicht. Bei Behauptungen über die Welt besteht es immer.

Zweitens: Rechnen ist nicht die Stärke. Bei größeren Zahlenmengen sollte man ausdrücklich verlangen, dass gerechnet und nicht geschätzt wird – Claude kann dafür im Hintergrund kleine Programme ausführen und tut das auch, wenn man darauf hinweist.

Drittens: Der Wissensstand endet an einem bestimmten Datum. Was danach geschah, weiß Claude nur, wenn es nachsieht. Bei Fragen zur Gegenwart lohnt der Zusatz „bitte vorher suchen“.

Viertens: Es gibt kein Fachurteil. Claude kann eine Argumentation prüfen, aber nicht entscheiden, was in einem konkreten Fall richtig ist. Die Verantwortung wandert nicht mit dem Text mit.

Fünftens, und das ist eher eine Frage der Vorsicht als ein Mangel: Was man hineinschreibt, verlässt den eigenen Rechner. Für Entwürfe, Korrespondenz und Fachtexte ist das unproblematisch; bei Unterlagen, die fremde Personendaten oder Vertrauliches enthalten, gilt dasselbe Nachdenken wie vor jedem Versand einer Datei. Man kann in den Einstellungen nachsehen, was mit den Eingaben geschieht, und im Zweifel Namen durch Platzhalter ersetzen – für die sprachliche Arbeit macht das keinen Unterschied.

Wie man gut fragt

Vier Gewohnheiten machen fast den ganzen Unterschied zwischen ernüchternden und guten Ergebnissen.

Zusammenhang mitliefern. Für wen ist der Text, was weiß der Empfänger schon, was soll er danach tun, was ist vorausgegangen? Jede dieser Angaben verbessert das Ergebnis mehr als jede Verfeinerung der eigentlichen Bitte.

Form angeben. Wie lang? Fließtext oder Liste? Sachlich oder locker? Ohne Angabe entsteht das statistische Mittel – meist zu lang und mit einer Vorliebe für Aufzählungen.

Ein Beispiel geben. Zwei Sätze im gewünschten Ton wirken stärker als drei Absätze Beschreibung dieses Tons.

Nachfassen statt neu ansetzen. Die erste Antwort ist ein Entwurf. Wer korrigiert – „kürzer“, „weniger Adjektive“, „den Schluss noch einmal, ernster“ –, kommt in drei Runden weiter als mit dem perfekten ersten Auftrag.

Tarife, Modelle und Limits

Drei Dinge werden hier regelmäßig verwechselt, und weil sie zusammenhängen, lohnt die Unterscheidung. Der Tarif – kostenlos, Pro, Max in zwei Ausbaustufen – bestimmt, wie viel man tun darf und welche Modelle überhaupt zur Wahl stehen. Das Modell ist die eigentliche Maschine, und es gibt mehrere davon: Haiku ist schnell und schlank, Sonnet der Allrounder für den Alltag, Opus der Spezialist für schwere Denkarbeit; darüber liegt inzwischen noch eine gesonderte Stufe für Sonderfälle. Kostenlos stehen die kleineren Modelle bereit, ein bezahlter Zugang schaltet die größeren frei. Das Limit schließlich ist ein Kontingent, das sich in einem gleitenden Fünfstundenfenster wieder auffüllt; bei bezahlten Tarifen kommen Wochengrenzen hinzu, und alle Zugänge – Browser, Programm am Rechner, Telefon – zehren vom selben Vorrat.

Warum also nicht gleich immer das größte Modell? Weil die Modelle das Kontingent unterschiedlich schnell verbrauchen. Das große denkt länger, und dafür wird bezahlt: in Wartezeit und in Kontingent. Wer eine E-Mail umformulieren lässt, erhält vom stärksten Modell kein besseres Ergebnis, wartet aber merklich länger und steht womöglich am Nachmittag ohne Reserve da. Daneben gibt es einen Regler für die Denktiefe: Die Voreinstellung passt für fast alles, die höchste Stufe gehört den wirklich harten Fällen.

Und wann lohnt es sich doch? Bei langen oder verschachtelten Dokumenten, bei Aufgaben mit vielen Schritten, bei Argumentationen, die tragen müssen – und immer dann, wenn das Alltagsmodell erkennbar gescheitert ist. Die brauchbare Reihenfolge lautet deshalb: mit dem mittleren Modell beginnen und erst hochschalten, wenn das Ergebnis nicht genügt, nicht umgekehrt. Preise, Grenzen und Modellnamen ändern sich mehrmals im Jahr; die jeweils gültigen Angaben stehen auf der Tarifseite von Claude.

Was am Anfang irritiert

Zwei Dinge sollte man vorher wissen, damit sie nicht befremden. Erstens: Claude ist gesprächig und neigt zu Zwischenüberschriften und Listen. Das lässt sich abstellen, indem man es verlangt, notfalls dauerhaft in den Einstellungen. Zweitens: Es ist von Grund auf zustimmungsfreundlich. Wenn man widerspricht, gibt Claude eher nach, als eine richtige Auskunft zu verteidigen. Wer eine ehrliche Einschätzung will, sollte also nicht fragen „Ist das nicht ein guter Gedanke?“, sondern „Prüfe das kritisch und nenne mir die drei größten Schwächen.“

Für die historische Arbeit

Eine Bemerkung noch zum eigenen Fach, weil die Verhältnisse dort besonders klar liegen. Der Gewinn steckt nicht in der Forschung selbst, sondern in der großen Menge sprachlicher Arbeit, die sie umgibt: Editionen, Akten, Zeitungsjahrgänge und Sekundärliteratur erschließen, statt sie ganz zu lesen; fremdsprachige und älteres Deutsch enthaltende Texte verstehen, ohne jedes Mal das Wörterbuch zu bemühen; Verwaltungsbegriffe, Maße, Münzsorten und Institutionen erklären lassen; einen Berg Exzerpte in eine Gliederung bringen; die eigene Argumentation vorlegen und ausdrücklich nach dem Einwand fragen, den die kundige Rezensentin erheben würde. Das ist der Teil der Arbeit, der Wochen kostet und nicht das Fachurteil betrifft.

Ebenso klar liegt die Grenze, und sie liegt unangenehm dicht an dem, was den Historiker ausmacht. Signaturen, Belegstellen, Datierungen, bibliographische Angaben – genau diese Einzelheiten sind es, die ein Sprachmodell erfindet, wenn es sie nicht weiß. Daraus folgt eine einfache Arbeitsregel: Claude ist stark im Umgang mit Quellen, die man ihm vorlegt, und unzuverlässig bei Auskünften über Quellen, die man ihm nicht vorlegt. Wer das Digitalisat hochlädt, steht auf festem Boden; wer nach einer Fundstelle fragt, ohne sie zu zeigen, bekommt womöglich eine wohlklingende Erfindung. Die Archivreise ersetzt das Werkzeug nicht – es nimmt nur einen erheblichen Teil der Lese-, Ordnungs- und Formulierungsarbeit davor und danach ab.

Ein Vorschlag für den ersten Abend

Theorie hilft hier wenig. Drei Versuche, die man in einer halben Stunde machen kann und die einen realistischen Eindruck geben:

Erstens: eine eigene, unerledigte E-Mail. Nicht neu erfinden lassen, sondern hineinkopieren, den Zusammenhang in zwei Sätzen erläutern und drei Fassungen verlangen – eine knappe, eine förmliche, eine freundliche. Man wird sehen, was der Unterschied zwischen einem Auftrag und einem Suchbegriff ist.

Zweitens: ein langes PDF, das man ohnehin lesen müsste. Hochladen, zusammenfassen lassen, dann drei gezielte Fragen dazu stellen – und die Antworten an einer Stelle im Dokument nachprüfen. Das ist die lehrreichste Übung von allen, weil sie beides zeigt: die Stärke und die Notwendigkeit der Kontrolle.

Drittens: etwas Beliebiges erklären lassen, von dem man wirklich etwas versteht. Nichts entlarvt so gut wie das eigene Fachgebiet. Man wird bemerken, dass die Auskunft überwiegend richtig ist, gelegentlich flach und an einer Stelle vielleicht falsch – und genau dieses Gefühl für die Trefferquote ist das Einzige, was man beim ersten Mal wirklich mitnehmen sollte.

Alles Übrige ergibt sich aus der Übung. Es ist ein Werkzeug, kein Orakel; es wird gut, wenn man es wie einen fähigen, aber ortsunkundigen Mitarbeiter behandelt, dem man sagt, worum es geht – und dessen Arbeit man liest, bevor man sie weitergibt.

BY NC SA 1

Dieser Text ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung – Nicht-kommerziell – Weitergabe unter gleichen Bedingungen – 4.0 International Lizenz, Salzburg 2026.


[1] Claude (https://claude.ai) begleitet mich seit mehreren Monaten sehr erfolgreich in meiner täglichen Arbeit als Historiker und – für „Soziale Netzwerk Analysen (SNA“ unverzichtbar – bei der Entwicklung komplexer Datenbankanwendungen. Zuvor war es Perplexity (https://www.perplexity.ai/) und in ein paar Monaten wird es vielleicht wieder ein anderes LLM sein.

[2] Large Language Model (LLM).

[3] Microsoft Office mit Word und Excel ist hier Pages und Numbers von Apple oder LibreOffice, etc. gleichzusetzen. 

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