Alfred Karasek (1902-1970) – Geehrter Kriegsverbrecher
Alfred Karasek war führender Wissenschaftler für Volkskunde der Deutschen des Ostens. Er war aber auch Deutschnationalist, Antislawist, frühes Mitglied der NSDAP, SS-Offizier und als solcher Kulturguträuber in Osteuropa bis auf die Krim und nach Stalingrad sowie als Angehöriger des Sicherheitsdienstes-Ausland des Reichsicherheitshauptamtes (RSHA) tätig. Er selbst sah sich sein Leben lang als (Feld-) Forscher und Sammler von Quellen aus den „deutschen Sprachinseln des Ostens“.
In einer „neuen Biografie“, die ohne die Beschönigungen und Auslassungen seiner früheren Teilbiografien, Huldigungen zu runden Geburtstagen und Nachrufen auskommen soll, werden diese Verharmlosungen klarstellt und vorhandene Lücken gefüllt. Neben bereits Bekanntem werden bisher schwer beziehungsweise gar nicht zugängliche Quellen verwendet. 2024 wurden die Forschungen zur Biografie abgeschlossen. Derzeit werden noch ergänzende Informationen zu Karaseks Gesamtnetzwerk eingeholt. Eine Buchpublikation ist für 2026 vorgesehen.

Leben
Alfred Karasek wurde 1902 in Brünn geboren und verbrachte seine Kindheit und Jugend im an der schlesisch-galizischen Grenze gelegenen Bielitz-Biala, wohin sein Vater als Bauleiter versetzt worden war. Nach der Matura absolvierte er in Brünn ein Studium zum Bauingenieur und den Wehrdienst in der tschechoslowakischen Armee, bevor er 1928 nach Wien übersiedelte, um dort Kunstgeschichte und Volkskunde zu studieren. Bereits ab Anfang der 1920er Jahre veröffentlichte er Aufsätze und unternahm gemeinsam mit seinen lebenslangen Freunden Walter Kuhn, Josef Lanz und Viktor Kauder[1] immer weiter nach Osten führende Reisen, die sich vor allem der Erforschung des Deutschtums, in seinem Fall von Sagen und Märchen in den deutschsprachigen Siedlungen widmeten. Die Geringschätzung alles „Polonisierten“ verstärkte sich während dieser Fahrten weiter.
Ab Mitte der 1920er-Jahre wurde Karasek von seinen Freunden und Kollegen als wissenschaftlicher Forscher und Publizist gesehen. Einen ersten großen sichtbaren Erfolg brachten 1926 die in der Fachöffentlichkeit viel beachteten Berichte über die Wolhynienfahrt.
Sein Antislawismus ließ ihn im deutschnationalen und bald im nationalsozialistischen Gedankengut aktiv werden und es nach außen hin vertreten, eine Haltung, die den Freundeskreis der „Bielitzer in Wien“ prägte und dem auch mehrere akademisch gebildete Frauen angehörten.
Spätestens nach seiner Übersiedlung nach Wien knüpfte er an der Wiener Universität ein umfangreiches Netzwerk an Gleichgesinnten, war er einer der wesentlichen Handelnden, ohne sich dabei offen in den Vordergrund zu spielen. An der Universität Wien verstand er es, dem National(sozial)ismus nahestehende Lehrende wie Arthur Haberlandt, Hugo Hassinger, Josef Strzygowski, Karl Ginhart und weitere für sich als Mentoren zu gewinnen[2].
Zwischen 1928 und 1938 gab er gemeinsam mit der Germanistin Elfriede Strzygowski vier große Bände mit Sagen der Deutschen im Osten heraus.[3]
Der 1933 erfolgte Beitritt zur bereits illegalen österreichischen NSDAP, das Stipendium und dann die fixe Anstellung bei der hauptsächlich aus Deutschland finanzierten und an der Universität angesiedelten „Südostdeutschen Forschungsgemeinschaft (SODFG)“, die Mitbegründung der „Arbeitsgemeinschaft für Volkskunde“, die Tätigkeit als NS-Schulungsredner und Organisator von Veranstaltungen mit Nähe zur NSDAP und weiterhin als Forscher und Publizist geben davon Zeugnis. Zugleich war er immer mehr Sammler und Aufbereiter von Daten für die „Schaffung von Lebensraum im Osten“.
Mit der Annexion Österreichs wurden seine Tätigkeitsabschnitte zeitlich kürzer und die Nähe Karaseks zu den Verbrechen gegen die Menschlichkeit nahm zu. Dazu zählen 1938 die Teilnahme an der Besetzung der Tschechoslowakei als Freikorpskämpfer, eine erste nachrichtendienstliche, gegen Polen gerichtete Tätigkeit, 1939/40 seine Funktion als offizieller Gebietsbevollmächtigter im Diplomatenrang bei der Umsiedlung von Volksdeutschen aus Wolhynien und später aus Bessarabien „heim ins Reich“ im Rahmen des „Hitler-Stalin-Pakts“, der Raub von Kulturgut zur wissenschaftlichen Auswertung (Archive, Bibliotheken) im „SS-Sonderkommando Künsberg (SKK/EKK)“. Zuletzt war er als SS-Offizier im Auslandsnachrichtendienst des Reichsicherheitshauptamtes (RSHA) aktiv an der Umsetzung der NS-Politik beteiligt. Seine enge Verbindung zu NS-Größen zeigt beispielsweise die von Heinrich Himmler auf Intervention Ernst Kaltenbrunners persönlich genehmigte Heirat mit Hertha Strzygowski (NSDAP-Mitglied ab 1933), die zuvor vom Rasse- und Siedlungshauptamt abgelehnt worden war.
Der 1945/46 drohenden Lagerhaft im Zuge einer österreichischen Entnazifizierung entzog sich Karasek durch Flucht nach Deutschland, wo er untertauchte und sich als Betonarbeiter betätigte. Trotzdem war er in mehreren Auffanglagern Heimatvertriebener aktiv und zeichnete tausende Sagen (Erzählgut) auf, die heute in seinem Nachlass im IKDE[4] in Freiburg aufbewahrt werden. Nach dem Wegfall der unmittelbaren Bedrohung wurde er ab 1949 führender Funktionär von Vertriebenenorganisationen unter Nutzung seines wenig veränderten Netzwerkes. Auch um sich mit den Erlösen finanziell über Wasser zu halten, publizierte er und hielt vor Vertriebenenorganisationen und auf völkerkundlichen Fachtagungen zahlreiche Reden und Vorträge.
Seine „Sammlung Karasek“ stellte er für die wissenschaftliche Forschung zur Verfügung, die Publikationen anderer Wissenschaftler geben Zeugnis davon. In den 1960er-Jahren hatte er wieder Kontakte zu slawischen Forschern und Institutionen aufgenommen und sah sich als Vermittler zwischen den Kulturen. Mit der Verschlechterung seiner Gesundheit zog er sich in seinen letzten Lebensjahren immer mehr zurück und widmete sich der Krippenforschung, wo er wieder führend tätig wurde. Die Veröffentlichung seiner beiden Standardwerke zur Krippenkunde in Böhmen, Mähren und Schlesien[5] erlebte er nicht mehr, er starb 1970 in Bischofswiesen.

Geehrter Kriegsverbrecher?
Von den Umsiedlungen über den Raub von Kulturgütern bis zum Fall Margarethe (Besetzung Ungarns 1944), Karaseks Teilnahme an der deutschen Besatzungs- und Genozidpolitik im Rahmen des Generalplans Ost und damit an NS-Kriegsverbrechen ist klar nachweisbar. Die Richtungsentscheidungen auf seinem Lebensweg hat Alfred Karasek selbst getroffen, gemeinsam mit seinen Volkskundlerkollegen war Alfred Karasek ein Zahnrad in diesem NS-Werk. Ob er seine eigene Teilhabe daran nach 1945 erkannt, diese vielleicht sogar bereut hat, kann nicht endgültig gesagt werden. Auf der Argumentationsline der (Heimat-) Vertriebenenpolitik wurde von ihm bis gegen Ende der 1950er-Jahre weiterhin ein starker Nationalismus vertreten. Trotzdem erhielt er zahlreiche Ehrungen, beispielsweise den Georg-Dehio-Preis und das deutsche Bundesverdienstkreuz. Eine nationalsozialistische Wiederbetätigung im engeren Sinne ist zu verneinen.
Anmerkung
Wie im Buch wird auch hier zum Teil die Terminologie der jeweiligen Zeit verwendet. Der Autor distanziert sich ausdrücklich von jeder Art des Extremismus und vor allem vom Gedankengut des Nationalsozialismus.
Nachlass Karasek: Institut für Kulturanalyse der Deutschen des östlichen Europa (IKDE)
WJG
[1] Walter Kuhn (1903 – 1983) Volkskundler, Siedlungsforscher; Josef Lanz (1902 – 1982) Lehrer, Viktor Kauder (1899 – 1984) Verleger, Bibliothekar.
[2] Arthur Haberlandt (1889-1964) Volkskundler; Hugo Hassinger (1877-1952) Geograf; Josef Strzygowski (1862-1941) Kunsthistoriker; Karl Ginhart (1888-1971 Wien), Kunsthistoriker.
[3] Alfred Karasek / Elfriede Strzygowski, Ostschlesische Sagen und Schwänke für die Schule, Kattowitz 1928.
Alfred Karasek / Elfriede Strzygowski, Sagen der Beskidendeutschen, Plauen 1930.Alfred Karasek / Elfriede Strzygowski, Sagen der Deutschen in Galizien, Plauen 1932.Alfred Karasek / Elfriede Strzygowski, Sagen der Deutschen in Wolhynien und Polesien, Posen / Leipzig 1938.
[4] Nachlass Alfred Karasek, Institut für Kulturanalyse der Deutschen des östlichen Europa (IKDE) https://www.ikdebw.de/archiv/archivtektonik/nachlass-alfred-karasek (06.10.2025).
[5] Alfred Karasek / Josef Lanz, Hg., Krippenkunst in Böhmen und Mähren vom Frühbarock bis zur Gegenwart, Marburg 1974 und
Alfred Karasek / Josef Lanz, Hg., Krippenkunst in Schlesien, Marburg 1981.
Alfred Karasek und Egon Lendl (1906-1989)
Das Salzburger Netzwerk nach 1945
„Man kennt sich, man hilft sich“, ein Forschungsprojekt von HistoriÖ.

Das Nachkriegsnetzwerk von Alfred Karasek und Egon Lendl (1906 Trient – 1989 Salzburg) steht im Mittelpunkt dieses im Herbst 2021 begonnenen HistoriÖ-Forschungsprojektes. Nun – im Sommer 2022 – werden erste Ergebnisse vorgestellt. Zum weiteren Vorgehen im Projekt ab 2023 informieren wir Sie untenstehend.
Alfred Karasek war prominenter Osteuropa-Volkskundler, sammelte Sagen, war Krippenforscher und ab 1949 führender Funktionär in Vertriebenenorganisationen. Er war aber auch SS-Offizier, seit 1932 NSDAP-Mitglied und -Schulungsredner, Umsiedlungsbeauftragter und in direktem Auftrag Heinrich Himmlers Kulturräuber in Osteuropa. Egon Lendl war habilitierter Geograph und 1963 Gründungsrektor der „wiedererrichteten“ Universität Salzburg. Aber auch er war seit 1932 NSDAP-Mitglied und als Wissenschaftler aktiver Beitragstäter bei der Aufbereitung von Sozialdaten zu erobernder Gebiete im Osten. Das hier vorgestellte Thema ihres auf den Kontakten von vor 1945 fußenden Nachkriegsnetzwerkes wird Teil einer im Entstehen begriffenen „Neuen Biografie“ über Alfred Karasek sein, die ohne die Beschönigungen und Auslassungen der früheren Teilbiografien und Nachrufe auskommen soll. In einem ersten Teil der Forschungsarbeit steht die Frage im Fokus, wie sich das Salzburger-Bayerische „Nach 1945 Netzwerk“ der beiden engen Freunde entwickelte. Betrachtet werden dabei die handelnden Personen selbst und zu welchen Themen sie in welchem organisatorischen Umfeld miteinander in Kontakt standen. Wenn hier Alfred Karasek und Egon Lendl als Ausgangspunkte des Netzwerkes gewählt wurden, ist es wichtig festzustellen, dass alle zu beschreibenden Ereignisse erst im Zusammenwirken von mehreren „Tätern“ geschehen konnten, auch wenn sie von nur einzelnen initiiert wurden.
„Kulturgutraub“ ist im Zusammenhang mit der Plünderung von Bibliotheken und Archiven sowie dem Raub von Akten durch SS-Sonderkommandos im Rahmen des Vernichtungskrieges gegen die Sowjetunion zu sehen. Sie hatten den Befehl, „politisch relevantes Material“ zu beschaffen, das „den Gegner in seiner ideologischen Motivation“ erkennen und brechen könne. Die SS-Sonderkommandos waren in militärischen Einsätzen an vorderster Front mit von der Partie. Später waren auch Angehörige der Abteilung VI G des Auslandssicherheitsdienstes (SD), des Reichssicherheitshauptamtes (RSHA VI G) sowie des „Ahnenerbes“ beteiligt.
Viele Personen – mehrheitlich waren sie promovierte und teilweise habilitierte Geographen, Historiker oder Volkskundler – aus dem NSDAP-Kreis von vor 1945 arbeiteten im Nachkriegsnetzwerk von Alfred Karasek und Egon Lendl wieder zusammen oder unterstützten sich wechselseitig.
Das hier behandelte große Nachkriegsnetzwerk lässt sich geographisch auf den Großraum Salzburg – Berchtesgaden – München mit Ausläufern beispielsweise nach Wien und Innsbruck bestimmen. Fast alle Personen waren (wieder) wissenschaftlich tätig, vor allem in den Bereichen Volkskunde und Geographie inklusive Raumplanung.
Auf der Argumentationslinie der „(Heimat-)Vertriebenenpolitik“ wurde, unterstützt durch entsprechende Rhetorik, weiterhin ein starker Deutschnationalismus vertreten. Eine nationalsozialistische Widerbetätigung im engeren Sinne ist nicht feststellbar.
In diesem im Herbst 2021 begonnenen HistoriÖ-Projekt wurden neu zugängliche private Unterlagen und Nachlässe aus verschiedenen öffentlichen Archiven in Verbindung mit Publikationen der letzten 30 Jahre ausgewertet. Nach einer mehrmonatigen Pause ab Sommer 2022 wurde das Projekt 2023 unter dem Arbeitstitel „Alfred Karasek – Ein Wissenschaftler als (Beitrags-) Täter bei der Vorbereitung und Durchführung von NS-Kriegsverbrechen“ fortgesetzt und obenstehendes zwischenergebnis veröffentlicht. Eine weiterführende Forschung im Jahr 2024 mehr Licht in die komplexen Verflechtungen rund um Alfred Karasek und Egon Lendl. Die Ergebnisse sollen 2025 als Buch veröffentlicht werden.
WJG
