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Markus Pichler

Die Entstehung des Bundesheeres

1918 bis 1938 –  Ein historischer Überblick

 

Der Anfang einer neuen Ära

Mit dem Untergang der Donaumonarchie 1918 wurde nicht nur eine politische Wende eingeläutet, auch die bewaffnete Macht musste sich den neuen Umständen anpassen. Sozialdemokrat Dr. Julius Deutsch, Unterstaatssekretär für Heerwesen, schuf mit der Volkswehr die erste offizielle Streitkraft für die junge Republik Deutsch-Österreich. Aus finanziellen Gründen wurde die Uniformierung, Ausrüstung und Bewaffnung der k. u. k. Armee weitergeführt. Die Unterscheidung erfolgte lediglich durch Überdecken der kaiserlichen Symbole mit Rot-Weiß-Roten Farbbändern auf Kokarden[1] der Kopfbedeckung oder der Säbelportepees[2]. Sämtliche Rangabzeichen wurden entfernt und mit den „Vorläufigen Bestimmungen über Rangabzeichen, Bekleidung und Waffentragen“ vom 2. April 1919 neu verfügt.

Der Friedensvertrag von Saint Germain, vom September 1919, legte den stark einschränkenden Rahmen für die Entstehung des Bundesheeres fest.

  • Untersagung der allgemeinen Wehrpflicht, der Bildung eines Generalstabes oder einer ähnlichen Institution
  • Einfuhrverbot und Beschränkung von Waffen und Munition (auf z.B. 450 schwere oder leichte Maschinengewehre mit je 10.000 Patronen oder maximal 90 Feld- oder Gebirgskanonen mit einem Kaliber von max. 105 mm)
  • Verbot der Erzeugung oder des Besitzes von Flammenwerfern, Gasen, gepanzerten Fahrzeugen und Tanks
  • Auflösung der gesamten Luftstreitkräfte inkl. Entlassung des Personals
  • Abschaffung der Marine (bis auf drei Patrouillenboote)

Das am 18. März 1920 von der Nationalversammlung beschlossene Wehrgesetz musste diese Auflagen berücksichtigten – ein neuer Zeitabschnitt begann.

1. Österreichisches Bundesheer

Der deutsche Gedanke und die ersten Bewährungsproben

Mit 13. November 1920 übernahm das Bundesministerium für Heerwesen (vormals Staatsamt für Heerwesen) die Agenden der Führung der Volkswehr. Auch hier kam es in Fragen der Uniformierung zu keinen bewegenden Veränderungen, da die finanziellen Mittel nicht vorhanden waren – das alte Kleid wurde weiterhin verwendet. Trotz des expliziten Anschlussverbotes an Deutschland im Friedensvertrag spiegelte sich der Wunsch danach in den Uniformen des Ersten Bundesheeres wider. Die Anlehnung an das deutsche Reichsheer war durch Metallabzeichen in Form von Wappen der Bundesländer für die neu geschaffene Tellerkappe (mit rot-weiß-roter Kokarde), die Einführung von Doppellitzen am Rockkragen und die neuen Distinktionen sehr deutlich erkennbar.

Das Ziehen neuer Grenzen nach einem verlorenen Krieg sorgt immer für Diskussionen und im schlimmsten Fall zum Aufflammen gewaltbereiter und bewaffneter Auseinandersetzungen. Unmittelbar nach Kriegsende kam es so auch in Österreich durch das Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen (SHS) zu Kämpfen, mit Gebietsgewinnen in Kärnten und der Steiermark. Anfängliches Einschreiten von freiwilligen Verbänden und in weiterer Folge von Einheiten der frisch gegründeten Volkswehr konnte die feindlichen Gebietsgewinne bis zum 5. Mai 1919 (Erstürmung von Bleiburg und Eisenkappel) weitgehend zurückerobern. Um einen endgültigen Frieden herbeizuführen wurde im Juni 1919 durch den „Rat der Vier“ (Frankreich, Italien, USA, Großbritannien) eine Volksabstimmung angeordnet, welche am 10. Oktober 1920 durchgeführt wurde. 59% stimmten für den Verbleib bei Österreich.

Die zweite Bewährungsprobe für die neu geschaffene Republik und gleichzeitig die erste Assistenzleistung des Bundesheeres war die Eingliederung des Burgenlandes (Deutsch-Westungarn) im Jahr 1921. Mit dem Friedensvertrag waren Teile von Westungarn Österreich zuerkannt worden – eine Entscheidung, die durch ungarische Freischärler immer wieder gestört und zunächst verhindert wurde. Der Einsatz von ca. 1.000 Mann österreichischer Gendarmerie (der Einsatz des Bundesheeres wurden von den Alliierten nicht genehmigt) konnte keine Befriedung herbeiführen und die Angriffe wurden auch auf österreichischem Territorium fortgesetzt. Zur Unterstützung der überforderten Kräfte wurde in weiterer Folge ab 1. September 1921 das Bundesheer zur Grenzsicherung eingesetzt. Mit dem Gefecht bei Kirchschlag am 5. September und den Kämpfen bei Bruck an der Leitha am 24. September 1921 konnte das Heer erstmals seine Kampfkraft beweisen und einen Erfolg erzielen. Nach weiteren Verhandlungen und einer Abstimmung im Ödenburger Raum, konnte Anfang November das Bundesheer das Burgenland besetzen. Die Inbesitznahme musste aufgrund der Größe in zwei Etappen durchgeführt werden – verlief jedoch bis auf einen Schusswechsel bei Kittsee reibungslos. Die offizielle Zuerkennung des Burgenlandes erfolgte mit 3. Dezember 1921.

Der Glaube an die Wiedervereinigung mit der Weimarer Republik war auch im Jahr 1923 noch immer tief in den Köpfen der Österreicher verankert. Daher wurde die Novellierung der Distinktionen des deutschen Heeres auch bei der österreichischen Adjustierung übernommen. Es kam zur Anpassung der Schulterstücke (österr. Achselspangen mit Buchstaben und Zahlen für die Formationszugehörigkeit) für das Offiziers- und Unteroffizierskorps und der Ärmelwinkel für den Mannschaftsstand. Ebenfalls wurden Dienstgrade neu geschaffen bzw. geändert, die sich teilweise auch im Bundesheer der 2. Republik wiederfinden, so z.B.:

  • 1924 Einführung der Charge eines „Vizeleutnants“
  • 1925 Wiedereinführung des „Fähnrichs“
  • 1927 Wiedereinführung des Dienstgrades „Korporal“

Undankbare Rolle des Bundesheeres

Gegen Ende des Jahrzehntes verschärfte sich die innenpolitische Situation zwischen den Parteien und ihren zum Teil schwer bewaffneten Wehrverbänden so sehr, dass Provokationen und Auseinandersetzungen zur Tagesordnung gehörten. Immer öfter war die Unterstützung des Bundesheeres für die Aufrechterhaltung von Sicherheit und Ordnung vonnöten.

Mit der sogenannten Selbstausschaltung des Parlaments am 4. März 1933 spitzte sich die innenpolitische Lage weiter zu. Zusätzlich stieg die Zahl der terroristischen Gewaltakte der Nationalsozialisten rapide an und das Bundesheer wurde vermehrt zur Assistenzleistung gerufen. Schließlich musste es 1934 bei zwei Ereignissen die Waffen auf Österreicher richten.

Bei den Kämpfen zwischen 12. und 15. Februar 1934 (Initialzündung war die Durchsuchung des Parteiheims „Hotel Schiff“ in Linz) ging das Bundesheer gegen den Schutzbund (Wehrverband der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei) vorwiegend in Oberösterreich (neben Linz, Steyr und Hausruckgebiet), Steiermark (Graz und Bruck/Mur), Niederösterreich (St. Pölten, Amstetten, Wilhelmsburg) und Wien (vorwiegend in den Arbeiterhochburgen/Gemeindebauten z.B. Goethe Hof, Karl-Marx Hof oder Floridsdorf) vor. Bilanz des Eingreifens waren zahlreiche Tote und Verletzte auf beiden Seiten.

Nur etwa vier Monate später, am 25. Juli 1934, versuchten die illegalen Nationalsozialisten (sie waren bereits 1933 verboten worden) einen österreichweiten Putschversuch bei dem Bundeskanzler Dollfuß ermordet wurde. Der Putsch scheiterte jedoch und innerhalb von vier Tagen konnten die Zustände in Wien und in den Bundesländern (Kärnten und Steiermark bzw. Oberösterreich und Salzburg) wieder befriedet werden. Traurige Bilanz: ungefähr 230 Tote. Das Ziel des Putsches war nicht der Anschluss an das Deutsche Reich, sondern das Errichten einer nationalsozialistischen Regierung gewesen.

Rückbesinnung auf die alte Tradition

Mit der Änderung der Adjustierungsvorschrift mit 3. Juni 1933 wurde auch ein neues Signal gesetzt – weg vom Glauben, Österreich könne ohne Wiedervereinigung mit Deutschland nicht überleben, hin zu Rückbesinnung auf die alten Traditionen des k. u. k. Heeres und Distanzierung zum Deutschen Reich (Hitler war seit 30. Januar 1933 Reichskanzler). Die graue Felduniform blieb im Großen und Ganzen unverändert, jedoch wurden die viereckigen Kragenspiegel mit den altösterreichischen Sterndistinktionen in den verschiedenen Waffenfarben wieder reaktiviert. Zugehörigkeitszeichen und äußerliche Änderung wurden neu geregelt (auszugsweise aufgelistet):

  • Edelweiß für den Kragenaufschlag für das Alpenjägerregiment (AJgR) 11 & das Feldjägerbataillon (FJgBaon) zu Rad 6
  • Jägerhorn mit dem Länderwappen für Infanterieregimenter (IR), AJgR, FJgBaone
  • Telegraphenabzeichen (gebündelte Blitze) für die Telegraphentruppe
  • Lenkrad als Kraftfahrabzeichen für die Kraftfahrtruppe
  • Lyra mit Schwert für die Heeresmusik
  • Einführung einer steifen Kappe für Offiziere, Fähnriche, Vizeleutnante und Offizierstellvertreter – für die Einheiten in Oberösterreich, Salzburg, Tirol und Vorarlberg wurden das Edelweiß auf der linken Seite, ferner der Federschmuck für das AJgR Nr. 11 und das FJgBaon zu Rad Nr. 6, definiert

Die Einführung und Adaptierung für das neue „Kleid“ sollte nach einer Übergangsfrist bis Ende Juli 1933 abgeschlossen sein.

Das Ende der Eigenständigkeit

Der Ton des Deutschen Reiches gegen Österreich wurde immer rauer und auch die Schirmherrschaft der Italiener für ein eigenständiges Österreich rückte mit der Achse Rom – Berlin (1936) in weite Ferne. Mit Billigung der Signatarmächte von St. Germain und dem Wegfall der Rüstungsbeschränkungen (1933) wurden, soweit es die finanziellen Mittel zuließen, verschiedenste Reformen in allen Bereichen des Bundesheeres vorangetrieben.

  • Juni 1935 Einführung des bis jetzt verbotenen Generalstabes mit Feldmarschallleutnant Alfred Jansa als erstem „Chef des Generalstabes der bewaffneten Macht“
  • April 1936 Bekanntmachung der „Allgemeinen Bundesdienstpflicht“ von 12 Monaten
  • Aufbau einer Panzerwaffe– ermöglicht durch den Schirmherrn Italien, welcher 1934 die ersten Panzer lieferte
  • Schaffung der „offiziellen“ Luftstreitkräfte. Unter strengster Geheimhaltung wurden bereits im Mai 1933 sechs bewaffnete Jagdflieger Fiat CR.20 ebenfalls von Italien an die „Österreichische Luftverkehrs AG“ (OeLAG) geliefert und am 1. Mai 1934 dem neu geschaffenen Luftschutzkommando übergeben
  • Modernisierung und Neubewaffnung der Infanterie

Die Absichten waren sehr redlich und das militärische Potential stieg – jedoch um sich gegen das Deutsche Reich zu stellen war die Zeit zu kurz und das Budget zu klein. Nach Beurteilung der potentiellen Gegner Österreichs wurde das Deutsche Reich als größte Bedrohung gesehen, woraufhin der Chef des Generalstabes den Fall „DR“ (Deutsches Reich) ausarbeiten ließ. Der sogenannte „Jansa-Plan“, der Vorkehrungen für einen möglichen Angriff treffen sollte, setzte auf eine zeitlich begrenzte Verteidigung mit Schwergewicht der Kräfte im Raum Oberösterreich. Dies sollte genug Zeit bringen, um auf internationaler Ebene Hilfe zu bekommen. Der Plan wurde mit hohem Aufwand vorbereitet, aber nie in die Realität umgesetzt, da Alfred Jansa aufgrund des Berchtesgadener Abkommens zwischen Adolf Hitler und Kurt Schuschnigg am 17. Februar 1938 pensioniert und durch den deutschfreundlichen Generalmajor Franz Böhme ersetzt wurde. Am 12. März 1938 um 8 Uhr begann der Einmarsch durch die 8. Armee der deutschen Wehrmacht, Luftwaffenverbände besetzten die wichtigsten Flugplätze. Die österreichische Regierung gab den Befehl, dass kein Schuss abgegeben werden dürfe und sich das Bundesheer nach Osten zurückzuziehen hätte. Bereits am 13. März um 1 Uhr in der Früh erreichte die 2. Panzerdivision an der Spitze der einmarschierenden Truppen die Bundeshauptstadt Wien. Das Bundesheer wurde mittels Heeresbefehl am 15. März 1938 in die deutsche Wehrmacht eingegliedert und bestand ab diesem Zeitpunkt nicht mehr.

Zum Abschluss

Die großen Ereignisse, wie z.B. die Ausrufung der Republik, das Bürgerkriegsjahr 1934 oder der Anschluss 1938 sind vielen bekannt. Die Entstehung und Entwicklung des Bundesheeres in der Zwischenkriegszeit jedoch nur einem speziell interessierten Fachpublikum.

Anlässlich der Sonderausstellung „Zeitenwende, … der Rest ist Österreich“ im Salzburger Wehrgeschichtlichen Museum wurde somit die Idee eines Fotobandes geboren, der dem „Nichtkundigen“ einen visuellen Einblick in die Entwicklung des Bundesheeres der Zwischenkriegszeit geben, und dem „Fachkundigen“ Details bisher nicht publizierter Privataufnahmen zeigen soll.

Der Bogen der Publikation spannt sich in chronologischer Reihenfolge von 1918 bis 1938 und zeigt Fotos mit den Schwerpunkten Uniformen und Technik. Ziel war es, 20 Jahre bewegender Ereignisse, beeinflusst und gesteuert von Mächten innerhalb und außerhalb Österreichs, zusammenzufassen und bildlich darzustellen. Es entstand ein kleiner Streifzug durch die facettenreiche Geschichte und Entwicklung des Österreichischen Bundesheeres.

© SWGM/WJG

Pallasch 66 – Markus Pichler © HistoriÖ/PIC

Ein Projekt wie eine Ausstellung oder einen Bildband wie den Pallasch 66 zu erstellen, kann nur mit zahlreichen helfenden und unterstützenden Händen, gelingen. Ich bedanke mich herzlich bei folgenden Personen:

Wilhelm Julian Gruber, ADir. Siegfried Stürmer, Mag. Julia Müller, Mag. Christian Frech, Prof. Mag. Peter Steiner, Dr. Mario Strigl, Mag. Hermann Dikowitsch, Hofrat Dr. Guido Mairunteregg, Reinhard Graf, Hannes Heubel, Guido Zobel und dem gesamten SWGM Team.

 

Für weitere Informationen zum Thema Bundesheer in der Ersten Republik erreichen Sie mich unter redaktion@historiö.at

[1] Abgeleitet von der franz. cocarde – einer rosettenartigen Bandschleife – in diesem Fall Metallabzeichen in den Nationalfarben. Vgl. Lexikon der Ordenskunde, Bandenberg Verlag, 2010, S. 268.

[2]Aus dem franz.: porte-épée – Standesabzeichen aus einem breites Stoffband mit einer Troddel und je nach Rang aus Gold- und/oder Silberfäden. Vgl. Lexikon der Ordenskunde, Bandenberg Verlag, 2010, S. 433.

Dieser Aufsatz von Markus Pichler ist erstmals zusammen mit dem fotografischen Essay über das Erste Österreichische Bundesheer im Pallasch 66 im November 2018 erschienen.