Völkische Netzwerke unter dem Deckmantel der Wissenschaft

Bericht vom Freiburger Workshop „Trans-/International Networks and Entanglements in Folklore Studies from the 1920s to the 1940s“, 18. und 19. September 2026

Völkische Netzwerke unter dem Deckmantel der Wissenschaft

Am 18. und 19. September 2026 hat das Institut für Kulturanalyse der Deutschen des östlichen Europa (IKDE) in Freiburg zu einem zweitägigen Werkstattgespräch geladen. Zehn Beiträge aus sechs Ländern fragten danach, wie sich die Geschichte der deutschsprachigen Volkskunde schreiben lässt, wenn man sie nicht national begrenzt — und welche Rolle das Aufkommen extremistischer Bewegungen dabei spielte. Ich durfte am Samstagvormittag über die Siebenbürgen-Fahrt 1937 sprechen.

Zwei Tage, zehn Beiträge

Der Freitag begann mit Frauke Ahrens, die Karl Weinholds Frage „Was soll die Volkskunde leisten?“ von 1890 neu verortete. Es folgten Corneliu Pintilescu über die Radikalisierung siebenbürgisch-sächsischer Volkskundler zwischen 1922 und 1944, Iria Ameixeiras über die spanische Folkloristik auf dem Weg in den Franquismus, Matthias Thaden über die Südosteuropa-Sammlung des Museums Europäischer Kulturen, Zuzana Panczová über die deutschen Volksgruppen in der Slowakei und Anne Friederike Delouis über französische Blicke auf die deutsche Volkskunde.

Am Samstag stellte Tobias Weger die Blicke Eugène Pittards und Paul Trägers auf die Dobrudscha gegenüber, Viktoria Muka zeichnete die Netzwerke des „Volkstumsforschers“ Franz Hieronymus Riedl (1906-1994) nach, und Tilman Kasten schloss mit Johannes Künzig.

Mein Beitrag: eine Reise als Knotenpunkt

Mein Beitrag trug den Titel „‚Viennese Professors and Their Guests‘: The 1937 Transylvania Excursion and the Making of völkisch Scholarly Networks“. Vom 2. bis zum 12. September 1937 fuhren, so das Protokoll, „Wiener Hochschullehrer und ihre Gäste“ durch Siebenbürgen: zehn Tage, 27 Stationen, geleitet vom Geographen Hugo Hassinger, dem der Historiker Hans Hirsch zur Seite stand.

Meine These steht bewusst am Anfang: Dem Erscheinungsbild nach war das eine akademische Exkursion mit Fachvorträgen, Kirchenburgen und nüchternem Berichtston. Tatsächlich diente sie der Netzwerkbildung, der Informationsbeschaffung und der Propagandavorbereitung im Rahmen der Südostdeutschen Forschungsgemeinschaft (SODFG) — und diese Lesart lässt sich aus den Quellen der Fahrt selbst entwickeln.

Am Anfang steht ein Gästebuch der „Bielitzer in Wien“ von 1930 bis 1932 — Tanzabende, Dampferausflüge, Unterschriften. Dort findet sich bereits jener Personenkreis, der ab 1933 auf den Studienfahrten wiederkehrt: Die Netzwerkbildung beginnt im geselligen Vorfeld. Es folgt die Serie der Inlandsfahrten, 1933 das Burgenland mit 36 Teilnehmern, 1936 Mühlviertel und Südböhmen mit bereits 57.

Die Siebenbürgen-Fahrt sprengt diesen Rahmen: echtes Ausland, 1000 Kilometer von Wien, mit eigener Vorbereitungsreise, örtlichem Organisationsausschuss, der Einbindung von Volksgruppenführung und Klausenburger Konsul und rund 30 Gastgebern vor Ort. Wer solchen Aufwand betreibt, reist mit Absicht.

Was die Zahlen zeigen

Erfasst sind die Beziehungen in der Projektdatenbank KaraNet, derzeit 433 Personen, typisiert, datiert und mit Quellenbeleg. Von den 26 namentlich fassbaren Reisenden waren 15 Mitglied der NSDAP, also 58 Prozent gegenüber 39 Prozent in der Gesamtdatenbank; zwölf arbeiteten für die SODFG, drei gehörten der SS an. Sechs Personen fuhren auf allen fünf Fahrten mit: Otto Brunner, Hugo Hassinger, Hans Hirsch, Egon Lendl, Anton Pfalz und Karl Maria Swoboda — darunter die drei Leiter jener SODFG, die in keinem einzigen Protokoll als Veranstalterin erscheint.

Bei den 19 siebenbürgischen Gastgebern findet sich keine Parteimitgliedschaft: Als rumänische Staatsbürger konnten sie der NSDAP formal nicht beitreten; ihr Gegenstück war die Nationalsozialistische Selbsthilfebewegung, deren Gründer die Reisegruppe empfing.

Ein Befund liegt im Schweigen der Quelle: Von den fünf Fahrten ist 1937 die einzige, deren Protokoll weder Namensliste noch Teilnehmerzahl nennt — die größte, weiteste und politisch heikelste ist zugleich die am schlechtesten dokumentierte.

Hermannstadt, 6. September 1937

Den Höhepunkt bildet ein Tag, den das Protokoll mit einem einzigen Satz abtut. Tatsächlich standen vor- und nachmittags je drei Grundsatzreferate auf dem Programm — Walter Kuhn zur Siedlungsgeographie des Südostens, Hassinger zur Landeskunde Siebenbürgens, Otto Brunner über „Mitteleuropa und Südostdeutschtum“. Wie ernst das gemeint war, zeigt Kuhn: Er ließ sein Referat noch im selben Jahr drucken, mit Widmung an den Fahrtleiter, und führte es ein halbes Jahrhundert später in seinen Erinnerungen noch an.

Ertrag

Die Studienfahrten sind ein Musterfall transnationaler Verflechtung: Ein in Wiener Geselligkeit begründetes Netzwerk erprobt sich in vier Inlandsfahrten und agiert 1937 über drei Staatsgrenzen hinweg. Die Netzwerkanalyse macht sichtbar, was die Erzählung allein nicht zeigt — die Verdichtung des Geflechts, seine Vermittlerfiguren und seine Kontinuität, die sich nach 1945 in den Vertriebenenmilieus fortsetzt. Alle genannten Zahlen sind Arbeitsstände eines laufenden Projekts.

Wilhelm Julian Gruber

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