Wilhelm Julian Gruber und Coautor Claude

Was machst du mit der KI?

Eine Antwort für Leserinnen, Leser und Zuhörer

Ich schreibe eine Biografie über einen Volkskundler, der zwischen 1923 und 1964 vierhundertneunundvierzig Titel veröffentlichte und dessen persönliches Netzwerk über fünfzig Jahre zusammenhielt. Dazu gehören einundvierzig Personenakten, eine Datenbank mit rund 430 Personen und sechstausendfünfhundert einzeln belegten Beziehungen sowie eine Liste von dreihundertachtundvierzig offenen Recherchefragen. Das ist mehr Material, als ein Einzelner im Kopf behalten kann.

Was ich mache. Ich stelle die Fragen und entscheide, was gilt. Ich kenne die Bestände, ich war in den Archiven, ich weiß, welcher Brief wo liegt und von wem welche Auskunft stammt. Jede Deutung, die im Buch steht, verantworte ich, und jeden Satz des Buches schreibe ich selbst. Und ich korrigiere: Wenn die Maschine mir erklärt, ein SS-Offizier sei zum SS-Schützen degradiert worden, halte ich den Beleg dagegen, der das Gegenteil sagt.

Was die KI macht. Sie liest. Ein Buch von 1959, siebenhundert Seiten, maschinell erfasst, ist in Minuten durchsucht — nicht nur nach dem, was darin steht, sondern nach dem, was fehlt. In einem neunundachtzigseitigen Aufsatz dieses Bandes kommen die Wörter Nationalsozialismus, Hitler und SS kein einziges Mal vor. Das lässt sich nachrechnen, und es ist ein Befund. Und sie hält aus, was mich ermüdet: Karteikarten auszählen, Fußnoten abgleichen, dieselbe Frage an hundert Dateien stellen.

Was daraus wird. Jede Beziehung zwischen zwei Personen liegt in einer Datenbank — wir nennen sie KaraNet — als einzelne Kante: wer wem wann wozu verhalf, mit Zeitraum, Quelle und einer Angabe, wie sicher der Beleg ist. Aus dem Buch von 1959 wurden auf diese Weise mehrere Kanten: dass die Bibliographie des dritten Bandes von der Frau seines früheren Vorgesetzten stammt, dass der zuständige deutsche Bundesminister und frühere SS-Offizier das Geleitwort zeichnete, dass ein Salzburger Universitätsinstitut Institut das Kartenwerk lieferte. Derselbe Fund geht am selben Tag in alle Personenakten, die er berührt.

Aus sechstausendfünfhundert solcher Kanten lässt sich dann rechnen, was in keinem einzelnen Brief zu sehen ist. Zwei Männer, die in keiner Quelle gemeinsam vorkommen, sitzen jahrelang in denselben Kuratorien und verleihen einander Preise. Die Frage stelle ich, die Auswertung macht die Maschine, und die Antwort prüfe ich am Beleg — jede Kante trägt ihre Fundstelle, ich kann jede einzelne aufschlagen.

Was wir gemeinsam machen. Wir arbeiten nach Regeln, die wir miteinander vereinbart haben. Zwei davon. Erstens: Meine Fassung gewinnt. Bevor die Maschine ein Dokument ändert, prüft sie, ob ich es inzwischen selbst bearbeitet habe. Zweitens: Vor jeder Auswertung wird der eigene Bestand durchsucht, und das Ergebnis steht im Papier — auch dann, wenn nichts gefunden wurde.

Wie nötig das ist, hat sich diese Woche gezeigt. Eine solche Suche meldete, ein Buch sei im Projekt noch nirgends ausgewertet. Tatsächlich hatte sie keine einzige Datei geöffnet; ein technischer Fehler ließ das leere Ergebnis wie einen Befund aussehen. Aufgefallen ist es zwei Arbeitsschritte später, weil ein Dossier etwas enthielt, das es nach dieser Suche nicht hätte enthalten dürfen. Wir haben den Fehler offen berichtigt, im Text kenntlich gemacht und die Regel verschärft.

Genau darin liegt der Punkt. Die Maschine ist schnell, ausdauernd und in der Kleinarbeit unermüdlich — und sie irrt sich zuverlässig und selbstbewusst. Sie ersetzt keinen Historiker. Sie beschleunigt einen, vorausgesetzt, er prüft nach.

Wer hilft mir? Ich verwende derzeit[1] das Large Language Model (LLM) Claude von Anthropic, in der Max-Version und dem Modell Opus 5. Für Aufgaben im Bereich der Datenbankentwicklung habe ich das Modell Fable 5.0/5.1 verwendet.


[1] Das war früher ein anderes und wird in Zukunft sicher ein weiteres sein.

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